Helmut Kalthoff und seine Zeit

Helmut Kalthoff und seine Zeit

im VfL Osnabrück von 1899 e.V.

Wichtige Lernphase

Helmut Kalthoff kam erstmals im Sommer 1973 zum VfL Osnabrück. In Münster beendete er zuvor seine Tätigkeit als Leiter des Organisationskommitees des 7. DJK Bundessportfest mit 6000 Teilnehmern und ging mit 25 Jahren für zwei Spielzeiten als Co-Trainer unter Klaus-Dieter-Ochs und A-Jugendtrainer zum norddeutschen Traditionsverein.

In dieser wichtigen Lernphase eignete sich der spätere Fußball-Lehrer die Grundlagen der täglichen Trainingsarbeit sowie des Spielpositionstrainings an und wurde sich der besonderen Bedeutung der Nachwuchsförderung bewusst. Der VfL qualifizierte sich in dieser Zeit für die neue 2. Liga Nord und beendete dort im Sommer 1975 die Premierensaison auf Platz acht. Beim ersten Derby am 11. Spieltag (12.10.1974) in Münster saß er beim 3:3 (Mühlenberg war dreifacher Torschütze) als Co-Trainer auf der VfL-Bank. Beim SC Preußen 06 spielten mit Werner Moors, Rolf Grünther und Benno Möhlmann drei Akteure, bei deren Wechseln nach Münster Kalthoff erstmals Spielertransfers abgewickelt hatte.

 



Mannschaftsfoto Saison 1974/75

 

Zuletzt führte Kalthoff die Mannschaft um Hans-Jürgen Wittfoht, Herbert Mühlenberg, Detlef Hegekötter und Gerd-Volker Schock nach der Entlassung von Ochs im April 1975 als Interimstrainer in die restlichen sechs Saisonspiele.

Professionalisierung des Vereins

Präsident Piepenbrock &
Manager Kalthoff


In seiner zweiten VfL-Phase ab März 1979 agierte Kalthoff ebenfalls, aber nur kurz, als Interimstrainer. Mehr und mehr aber brachte er vor allem als Manager seine Berufserfahrung ein, die er sich nach dem Erwerb der DFB-Fußball-Lehrer-Lizenz an der Sporthochschule Köln zuvor beim Zweitligisten Wuppertaler SV angeeignet hatte.

In einer für den VfL prägenden Zeit entwickelte sich der Fußball massiv weiter: Mit der zum Sommer 1981 anstehenden Einführung der bundesweiten 2. Bundesliga stieg der Druck auf alle Klubs, die Strukturen und Abläufe zu professionalisieren. Der VfL steckte damals in einer komplizierten Lage, weil die Fußballer vormittags in „normalen“ Jobs arbeiteten und erst am Nachmittag an drei verschiedenen Standorten in der Stadt (Zuschlag, Nahne, Eversburg) abwechselnd trainierten. Eine frühzeitige gemeinsame Analyse mit dem VfL-Präsidenten und DFB-Ligaausschussmitglied Hartwig Piepenbrock ergab, dass der VfL nur dann eine gute Zukunftsperspektive haben werde, wenn das Vollprofitum etabliert und die Infrastruktur angepasst werde.

Aus jenen Überlegungen resultierte dann die durch Kalthoff pragmatisch, analytisch und mit Perspektive maßgeblich vorangetriebene Etablierung des neuen VfL-Standortes lloshöhe einschließlich der Errichtung des heute noch existierenden und für damalige Verhältnisse modernen Funktionsgebäudes mit Umkleide- Wäsche- und Massageräumen, Kraftraum, Sauna sowie Besprechungszimmer in der Nutzung auch für die A- und B-Junioren. Gleichzeitig aber musste als weitere Riesen-Herausforderung die sportliche Qualifikation für die 2. Bundesliga bewältigt werden, im Rahmen eines komplizierten Punktesystems aus den drei Spielzeiten seit 1978. Die weiter zurückliegenden Saisons wurden zwar mit einem geringeren Faktor bewertet – aber demnach wies der VfL durch schwache Platzierungen bereits einen recht großen Rückstand zu vielen Konkurrenten auf.

 

Trainer Werner Biskup

 

Die schrittweise Umstellung auf das Vollprofitum Anfang 1980, also bereits während der laufenden Saison, war der erste Meilenstein auf dem Weg, das große Ziel dennoch zu erreichen – nur möglich wurde dies durch intensive Arbeit der Verantwortlichen hinter den Kulissen, etwa auch bezüglich der Überzeugung der bisherigen Arbeitgeber der Spieler, ihnen  mehr Freiheiten zu geben. Einen weiteren entscheidenden Schub brachte der Wechsel von Trainer Gerd Bohnsack zum charismatischen „Instinkt“-Trainer Werner Biskup zur Saison 1980/81. So schaffte es die VfL-Elf um Horst Feilzer, Niels Tune-Hansen und Detlef Olaidotter, am Ende dieser Mammut-Saison die geforderten vier Tabellenplätze besser zu stehen als Preußen Münster und sich für die 2. Bundesliga als Nachrücker aus der 2. Liga Nord für Eintracht Braunschweig als Sieger im Aufstiegsspiel zur Bundesliga gegen die Offenbacher Kickers zu qualifizieren.

Saison 1983/84 Abstieg in die Amateuroberliga Nord

Dort hielt sich der VfL in den folgenden beiden Jahren sicher. Kalthoff nutzte jene Zeit, um den Ausbau der Bremer Brücke (gesamt 10.000 überdachte Stehplätze auf West- und Ost-Tribüne) voranzutreiben, um so die Infrastruktur vor allem für die immer beliebteren Freitagabend-Flutlichtspiele und damit die Einnahmesituation in der damaligen Wettbewerbssituation der Vereine erheblich zu verbessern. Doch nach einer ganz schwachen Spielzeit 1983/84 musste der VfL den bitteren Gang in die Amateuroberliga Nord antreten.

Trainer Erhard Ahmann

Trainer Carl-Heinz Rühl war Mitte November interimsweise durch Volker Schock abgelöst worden. Wobei der erst im Februar 1984 verpflichtete Trainer Erhard Ahmann nach dem abschließenden 6:4-Sieg gegen Wattenscheid 09 für viele überraschend dem VfL das Signal gab, er werde weitermachen, wenn der VfL unter Vollprofibedingungen den sofortigen Wiederaufstieg anstrebe.

Der Haken an der Sache: alle Verträge über den 30. Juni 1984 hinaus hatten keine Gültigkeit mehr. In der Amateuroberliga durfte man damals laut Statuten keine Lizenzspieler unter Vertrag nehmen. Nach vielen Gesprächen und Diskussionen unter Einbeziehung des DFB bestand die Lösung in Gründung einer Werbefirma die alle Werberechte und -einahmen des VfL übernahm und somit den „Ex-Profis“ offiziell Anstellung und Auskommen garantierte. Gegründet wurde die Firma SWO in Münster mit Gesellschafter und Geschäftsführer Helmut Kalthoff. Mäzen Piepenbrock sicherte diese Konstruktion ab, verband sie aber mit einem Ultimatum: Wenn der Aufstieg nicht gelänge, werde die Notbremse gezogen.

Ahmann führte Gespräche mit Spielern, um seine Vorstellung für die Oberliga-Saison aufzuzeigen. In diversen Einzelgesprächen stellte sich heraus, dass Teile der Mannschaft vor dem letzten Auswärtsspiel der Saison 83/84 beim feststehenden Bundesligaaufsteiger Karlsruher SC in einem "internen Treff die zukünftige Richtung“ besprochen hatten. Bekanntlich verlor der VfL mit 1:4. Der Abstieg war besiegelt.

Piepenbrock  wurde umgehend über den neuen Sachverhalt  informiert. Seine Reaktion war unmissverständlich wie konsequent: „Die bisher vorgesehene Personalplanung wird kurzfristig überarbeitet.“ Erst jetzt wurden Spieler wie Linz, Bauer, Eymold, Goll und Kalkbrenner ein Thema beim VfL, der seine Etatplanungen anpasste. Teilweise wurden Ablösesummen fällig. Das führte dazu, dass Kalthoff bei der Vertragsgestaltung mit Spieler bereits das zweite Jahr bei Wiederaufstieg mit aushandelte und bei der Punktprämie generell Teilbeträge an den Aufstieg in die 2. Bundesliga gekoppelt wurden. Das wirtschaftliche Gesamtrisiko belief sich danach auf ca. 500.000 DM. Durch Einnahmen aus der Aufstiegsrunde und da in der Folgesaison keine Transfers getätigt werden mussten, hatte sich dieses Investment für den VfL gerechnet. In vertraulichen Hintergrundgesprächen wurden die örtlichen Medienvertreter über den neuen Sachverhalt informiert.

Saison 1984/85 Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga

 

Oskar Bauer

Sportlich mussten die bundesligaerfahrenen Neuverpflichtungen Paul Linz, Oskar Bauer, Günter Eymold, Jochen Goll und Michael Kalkbrenner eine Reamateurisierungsfrist absitzen: Sie durften erst ab November in der Meisterschaft spielen. Spielberechtigt waren sie für den DFB-Pokal. Bis dahin sollten Youngster wie Stürmer Paul Jaschke, Ralf Heskamp, Dirk Gellrich oder Ulf Metschies und Amateur-Neuzugänge wie Neale Marmon zumindest so viele Punkte holen, dass die ersten beiden Plätze in der Amateroberliga Nord in Reichweite blieben.

Doch die Talente spielten groß auf, starteten mit 12:2 Punkten und erhielten von Manager Kalthoff, der einmal mehr als Patron und spezieller Ansprechpartner der Jungen agierte, eine moderate Erhöhung ihres Grundgehaltes. Im DFB-Pokal traf der VfL am 31. August 1984 in der 1. Runde an der heimischen „Bremer Brücke“ mit den Neuzugängen auf TSV Friesen Häningsen und verlor nach Verlängerung mit 2:5. Es wurde kurzfristig unruhig beim VfL. Mit dem Erreichen der Meisterschaft und dem krankheitsbedingten Ausfall ab Februar 1985 von Trainer Ahmann eskalierte vor der entscheidenden Aufstiegsrunde ein teaminterner Konflikt zwischen alteingesessenen Profis und aufmüpfigen Youngsters.

Anspannung auf der
VfL-Trainerbank

So bedurfte es einer speziellen Maßnahme, um die Kräfte wieder zu bündeln: Kalthoff, einmal mehr als Interimstrainer eingesprungen, versammelte vor den entscheidenden Spielen alle Akteure in Bad Rothenfelde – erst zu einer entscheidenden, weil reinigenden Aussprache, später dann zur optimalen Vorbereitung auf die Heimspiele des VfL. Mit dem 1:0-Sieg in einer Hitzeschlacht an der Hafenstraße bei RW Essen stellte der VfL die Weichen.  Am Ende gelang es tatsächlich, den „Betriebsunfall Abstieg“ dank kreativer Maßnahmen und weitsichtigen Handelns sofort zu korrigieren.

Aufstiegsrunde: Kabinenjubel nach dem Rückspiel an der 'Bremer Brücke' gegen RW Essen am 12.06.1985.
Der VfL weiter ohne Punktverlust.
Links Präsident Piepenbrock, rechts Trainer Ahmann


Saison 1983/84, 2. Bundesliga, letzter Spieltag
.
Der VfL gewann vor 3.000 Zuschauern an der „Bremer Brücke“ gegen due SG Wattenscheid 09 mit 6:4 (2:3). Die Mannschaft: Seiler, Bittner, Eggeling, Schock, Szesni (33. Min.Wirtz), Gans, Funke, Gellrich, Brocks, Jaschke, Helmer (65. Min Heskamp) Ein Jahr später der direkte Wiederaufstieg des VfL als erster der Aufstiegsrunde mit 14:2 vor Tennis Borussia Berlin mit 9:7 Punkten.


Saison 1985/86, 2. Bundesliga, erster Spieltag
.
Vor 14.000 Zuschauern trennte sich der VfL von Eintracht Braunschweig 3:3 (1:2). Die Mannschaft hatte ein neues Gesicht: Seiler, Bauer, Eymold, Linz, Marmon, Feuerstein, Gellrich, Jaschke (74. Min. Kalkbrenner), Heskamp, Holze, Helmer


Meister Oberliga Nord: Mannschaftsfoto nach der Siegerehrung am 19.06.1985 vor dem letzten Heimspiel der Aufstiegsrunde gegen den Hummelsbüttler SV durch den Norddeutschen Fußballverband

Erfolge der VfL-Junioren

Mit dem Kern dieser Mannschaft etablierte sich der VfL dauerhaft bis 1993 in der bundesweiten zweiten Spielkasse: Unter dem noch von Kalthoff im Sommer 1985 – zunächst als A-Jugendtrainer nebst einer beruflichen Ausbildung in der Fa. Piepenbrock – engagierten Rolf Grünther und dem gesundheitlich begründeten Aus von Trainer Ahmann übernahm Grünther und erreichte mit den Lila-Weißen später mit Platz sechs seine bis dato erfolgreichste Platzierung im bundesweiten Profifußball.

Aus der von Kalthoff Anfang der 80er Jahre konzipierten, wie er selbst mit einem Augenzwinkern sagte `Eigenproduktion des VfL´ mit Trainer Friedel Hoppe, heute vergleichbar mit den Leistungszentren der DFL, zwischenzeitlich dort verpflichtend, haben nachfolgende Spieler insgesamt in der 2. Bundesliga und Bundesliga gespielt.

  • Helmer: 411 Spiele 2. Bundesliga
  • Metschies: 240 Spiele 2. Bundesliga
    78 Spiele Bundesliga
  • Gellrich: 278 Spiele 2. Bundesliga
  • Holze: 266 Spiele 2. Bundesliga
  • Heskamp: 259 Spiele 2. Bundesliga
  • Jaschke: 167 Spiele 2. Bundesliga
  • Bohne: 60 Spiele 2. Bundesliga
  • Brocks: 27 Spiele 2. Bundesliga
  • Wirths: 17 Spiele 2. Bundesliga

  (insgesamt: 1803 Spiele)

 

Abschiedserinnerung vom
VfL Osnabrück eine Fotocollage über
"umfangreiche und vielschichtige" Tätigkeiten

Metschies, Heskamp und Jaschke wurden von den DFB-Trainern Dietrich Weise und Berti Vogts in diversen Junioren-Nationalmannschaften eingesetzt.

Und Kalthoff ergänzte noch: „Was nützt es dem VfL, wenn die A-Jugend Deutscher Meister wird und davon bei den Profis kein Spieler ankommt. Dann haben wir etwas falsch gemacht." Klare Vorgaben waren angesagt.

In der Saison 1982/83 nahm die A-Jugend des VfL als Niedersachsenmeister erstmals an der Deutschen A-Jugendmeisterschaft teil und traf in der ersten Runde auf den Freiburger FC. Nach einem 2:0-Auswärtssieg erreiche der VfL vor 5.000 Zuschauer mit einem 5:1 daheim das Viertelfinale gegen den VfB Stuttgart. Das Hinspiel ging mit 1:2 verloren. Am Sonntag  26. Juni 1983 11Uhr folgte das Highlight: 12.000 Zuschauer sahen an der `Bremer Brücke´ eine 1:2-Niederlage. Der VfL war ausgeschieden, die Fans aber verabschiedeten das Team von Trainer Friedel Hoppe trotzdem mit Standing Overation. Spieler bim VfB Stuttgart der spätere VfL Trainer Uwe Fuchs.


In der Spielzeit 1992/93, der ersten nach der Wiedervereinigung, nahmen 24 Vereine das Rennen auf. Sieben mussten absteigen, auch den VfL erwischte es mit dem Abstieg in die Amateuroberliga Nord. Der VfL hatte sich von Manager Schmidt getrennt. Zufällig trafen sich Piepenbrock und Kalthoff beim DFB-Pokal Finale zwischen Bayer 04 Leverkusen und  Hertha BSC Amateure in Berlin. Man verabredete sich zu einem Gespräch in Osnabrück. Übergangsweise wurde Kalthoff wieder für den VfL tätig. Nach vielen Gesprächen   verpflichtete Kalthoff erneut Trainer Werner Biskup für den VfL. Der zunächst als Trainer vorgesehene Heiko Flottmann erwarb in dieser Saison die Fußball-Lehrer-Lizenz an der Sporthochschule Köln. Trotz eines Angebots von Piepenbrock sprach sich Kalthoff gegen eine längerfristige Tätigkeit für den VfL aus.

Projekt "TOP 40" 2016

Ab Mitte 2012 und parallel zur Diskussion um die Ausgliederung der Profifußballer aus dem Verein VfL entwickelte Kalthoff in Abstimmung mit Oberbürgermeister Boris Pistorius das Konzept „TOP 40 2016“  zur Kernsanierung des VfL unabhängig von KGaA oder e.V., In der Endphase wurde unter Einbindung von Prof. Dr. Kröger eine entsprechende Projektgruppe im VfL eingesetzt. Kernpunkte waren ein ausgeglichener Etat: keine Annuität (Zins + Tilgung) mehr sowie die Abmachung, alle Erträge zu 100% uneingeschränkt dem VfL verfügbar zu machen. Dazu ein Sicherungsfond für die 3. Liga nebst Investment in die „Bremer Brücke“ zur Verlängerung der Verweildauer im Stadion, damit verbundene Mehreinnahmen aus Service-Konzepten und gewerblicher Nutzung. Zusätzliches Investment sollte auch für die Infrastruktur des Leistungszentrums und der Trainingsbedingungen geleistet werden. Dazu wurde mit der Stadt Osnabrück auf der Konversionsfläche „Am Limberg“ ein Sportflächenentwicklungskonzept erarbeitet. Eine sehr emotionale Angelegenheit für Kalthoff, wurde der doch quasi nebenan „Am Zuschlag“ 1973 erstmals beim VfL tätig.

Nach dem Wechsel von Pistorius als Innenminister in die Landespolitik fehlte für die weiteren Schritte zur Umsetzung „der Kopf“ im Rathaus. Prof. Kröger verabschiedete sich in kleinen Schritten geräuschlos vom Plan „TOP 40 2016“ und passte sich der aus dem Sponsorenumfeld bevorzugten Sanierung des VfL durch Gläubigerverzicht an.